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Andacht Juni 2026

Der Spruch, der uns durch den Juni begleiten will steht im Hebräerbrief. Er lautet:
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr mitgefangen; denkt an die Mißhandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! (Hebr. 13,3)
Es hat vermutlich mit erhöhter Aufmerksamkeit zu tun. Am Ende eines Briefs wird es noch einmal besonders wichtig. Da werden die Dinge auf den Punkt gebracht. Das, worauf es wirklich ankommt. So auch im Hebräerbrief. In den Bibelausgaben steht darüber oft „Abschließende Ermahnungen“. Das klingt ein wenig langweilig, vielleicht auch etwas zu sehr nach Moral.
Aber es geht nur vordergründig um Handlungsanweisungen. Es geht um das, was die christliche Gemeinde im Innersten zusammenhält, hier die „brüderliche Liebe“ (Hebr. 13,1), in der die Gemeinde festbleiben soll. Das alles angesichts einer Welt, die dunkel und bedrohlich wirkt. Es sind schwierige Zeiten mit Anfechtung und Verfolgung. Zeugnis und Dienst sind gefragt. Vorbild ist das Leiden und Auferstehen Jesu, der, früher ein beliebter Konfirmationsspruch, „gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebr. 13,8) derselbe ist.
Die geschwisterliche Gemeinschaft wendet sich dabei denen zu, die in besonderer Weise für ihren Glauben einstehen und deshalb im Gefängnis sind. Das ist kein Aufruf für eine, sicher sinnvolle, christliche Zuwendung zu allen Gefangenen und Verfolgten. Der Vers ist zuallererst eine Erinnerung an die christlichen Geschwister, die unter Gefahr für Leib und Leben für ihren Glauben eintreten. An sie soll gedacht werden, als wäre jeder mitgefangen. Die Lebensgefahr, die ihnen droht, deutet die Formulierung „noch im irdischen Leib“ an. Es kann gefährlich sein, aus christlicher Überzeugung zu leben und für den Glauben, die Würde des Menschen und die Freiheit einzutreten. Die Solidarität mit den gefangenen Mitchristen war eine der ganz starken Kräfte, die die Ausbreitung des christlichen Glaubens befördert haben. Wie sehr diese Verbundenheit tragen kann, zeigen die Geschichten aus dem christlich motivierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Sorge um und die Bitte für die Gefangenen, gerade auch die, die im politischen Widerstand aktiv waren, sind ein beeindruckendes Kapitel von der Anfechtung sowie der Kraft des Glaubens. Die Gedanken gingen dabei in beide Richtungen: hin zu den Gefangenen, aber auch von den Gefangenen zu denen, die noch in Freiheit waren. Besonders berührt mich ein Brief von Klaus Bonhoeffer (1901–1945), dem Bruder Dietrich Bonhoeffers, der gleichfalls aktiv am Widerstand gegen Hitler beteiligt war. Am 23. April 1945 wurde er ermordet. Er hat mehrere Abschiedsbriefe, auch an seine drei kleinen Kinder, hinterlassen. Es sind Hoffnungsbriefe in dunkler Zeit. Es geht um: Freundschaft, Bildung, Verantwortungsbewußtsein, Liebe und Vertrauen und nicht zuletzt die Liebe zur Natur.
Der Brief an die Kinder endet mit einem Blick auf die verdunkelte Gegenwart, in der zugleich die Hoffnung des Glaubens zur Sprache kommt. Klaus Bonhoeffer schreibt:
„Die Zeiten des Grauens, der Zerstörung und des Sterbens, in denen ihr aufwachst, führen den Menschen die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen. Denn alle Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases Blume. Unter diesem Erlebnis führen wir unser Leben im Bewußtsein seiner Vergänglichkeit. Hier beginnt aber alle Weisheit und Frömmigkeit, die sich vom Vergänglichen dem Ewigen zuwendet. Das ist der Segen dieser Zeit. Überlaßt euch nicht allein den frommen Stimmungen, die solche Erschütterungen hervorrufen oder die in der Hast und Verwirrung dieser Welt aus einem Gefühl der Leere ab und zu hervorbrechen, sondern vertieft und festigt sie. Bleibt nicht im Halbdunkel, sondern ringt nach Klarheit, ohne das Zarte zu verletzen und das Unnahbare zu entweihen. Dringt in die Bibel ein und ergreift selbst von dieser Welt Besitz, in der nur gilt, was ihr erfahren und euch selbst in letzter Ehrlichkeit erworben habt. Dann wird euer Leben glücklich und gesegnet sein.“ Mich bewegen diese Zeilen aus der Gefangenschaft. Klaus Bonhoeffer nimmt die eigene Endlichkeit in den Blick, auch den eigenen Tod. Denn es ist ja ein Abschiedsbrief, der zum Trostbrief wird. Er zeichnet ein Bild, in dem in verdunkelter Zeit Hoffnung aufleuchtet. Diese Hoffnung, dieses Leuchten brauchen wir auch heute, vielleicht heute sogar ganz besonders.
AMEN



Diese Andacht ist konsequenterweise in alter Rechtschreibung verfaßt!


Andacht Mai 2026

Kann der Hebräerbrief sich eigentlich mal entscheiden? Wie ist das jetzt genau mit dem Vertrauen? In Hebräer 6,19, dem Monatsspruch für diesen Mai 2026, steht: „Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele“. (Hebräer 6,19) Aber nur wenige Kapitel später liest man: „Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat“. (Hebräer 10, 25) Was also jetzt? Festhalten oder loslassen?
Einen Anker Muß man doch wegwerfen. Man muß ihn loslassen, damit er hält. Darüber gibt es sogar einen Rätselspruch: „Man wirft es fort, wenn man es braucht und holt es wieder, wenn man es nicht braucht – was ist das?“ Klar, der Anker. Wenn man ihn braucht, muß man ihn loslassen. Man muß den Anker hinunterlassen in das Wasser. Dorthin, wo es tief ist und dennoch einen festen Grund gibt. Damit man gehalten ist im Sturm, oder wenn man einfach in Ruhe bleiben möchte, wo man hingehört. Zuversicht und Heimat. Dafür sorgt ein Anker.
Ein Anker ist dafür da, daß die Strömung einen nicht sonst wohin treibt. Denn das geschieht so schnell und Strömungen gibt es genug. Solche, die an der Oberfläche sichtbar sind und das Wasser kräuseln, Unruhe bringen und uns in Sorge versetzen. Und die Tiefenströmungen, tückisch und hinterhältig, kaum zu entdecken, bis sie einen in bodenlose Gleichgültigkeit oder in haltlosen Eigennutz hinunterziehen. In die tückischen Untiefen von Angst und Unsicherheit, in das Gefälle von „Wir gegen die“. Der Anker hält dagegen. Er hält mich am Grund meines Glaubens fest. Auf dem Boden der Gemeinschaft und des Vertrauens. Die Hoffnung hält mich fest, damit ich nicht forttreibe. Darauf setze ich meine Hoffnung. Aber dafür Muß ich sie loslassen. Ich muß sie auswerfen, damit sie hält. Nur wenn ich meine Hoffnung loslasse, wenn ich mich auf sie verlasse, daß sie ankommt, findet sie einen Grund. Dann hält sie mich.
Sie verbindet mich mit dem Grund meines Glaubens. Mit dem, was in der Tiefe meiner Hoffnung verborgen liegt. Man muß den Anker loslassen, damit er sich festmachen kann.
In dem tiefen Grund unter dem Wasser. Auf dem Grund des Vertrauens. Oft unsichtbar und verborgen in den Strömungen und Untiefen des Lebens. Dennoch ist der Grund da. Und an ihm findet die Hoffnung ihren Halt. Weil er der feste Grund der Hoffnung ist. Der Grund des Glaubens. Der Ort, an dem die Hoffnung sich verhaken kann. Dieser Grund ist Jesus Christus. In ihm ist Gott dem Leben auf dem Grund gegangen und dem Tod auch. In Christus hat Gott sich mit uns verbunden und sich uns überlassen, damit wir uns auf ihn verlassen. Vertrauen macht verletzlich, es liefert einen aus. Gott hat das in Christus am eigenen Leib erfahren müssen. Aber er hat es nicht dabei belassen. Er hat uns nicht dem Tod überlassen, sondern einen Grund geschaffen für unsere Hoffnung. Seeleute haben aus dieser Überzeugung ein Tattoo gemacht: Ein Anker mit einem Querbalken. Anker und Kreuz. Beides gehört zusammen. Daran halte ich fest, daran hält Gott mich fest. Meine Hoffnung ist verankert in der Hoffnung auf Gottes Versprechen: Nicht der Tod hat das letzte Wort über uns, sondern das Leben das erste. So ist meine Hoffnung festgemacht in dem Versprechen, für das Christus steht mit seinem Leben und Sterben: „Fürchte dich nicht!“ Das ist der Grund für meine Hoffnung.
So hält sie mich. Denn so ist es wohl richtig: Nicht ich halte die Hoffnung, die Hoffnung hält mich. Also werfe ich meine Hoffnung nicht weg, sondern ich lasse sie hinunter auf den Grund meines Glaubens. Ich lasse los und lasse mich halten. Denn die Hoffnung ist ein sicherer Anker für meine Seele.
AMEN

Diese Andacht ist konsequenterweise in alter Rechtschreibung verfaßt!

Wachet, steht im Glauben, seit mutig und seid stark. (1. Kor. 16,13)
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